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Trotz FASD: Jaqueline geht ihren Weg.

28.10.2020 CJD Sachsen « zur Übersicht

„Nicht aufgeben und immer nach vorn schauen!“ könnte das Lebensmotto von Jaqueline Glänzendorf sein. Sie ist als Zweitälteste von fünf Kindern 1995 in Berlin geboren. Ihre Kindheit war kein Ort zum Wachsen und Gedeihen. Die Mutter ist alkoholabhängig. Jaqueline hat aufgrund der Fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD-Fetal Alcohol Spectrum Disorder) Einschränkungen, die ihren Alltag erschweren - vor allem das Lernen fällt ihr schwer.

Viele der von FASD Betroffenen können sich nicht gut konzentrieren, vorausschauend planen oder Informationen sowie Wahrnehmungen verarbeiten. Schwerstbetroffene (FAS - Fetal Alkohol Syndrom) können ihr Leben lang nicht selbstständig leben und benötigen zeitlebens Hilfe. 

Jaqueline kommt in einer konfliktreichen Zeit mit ihrer Familie in Bayern zunächst in ein Kinderheim und später, um den Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie zu vermeiden, in ein SOS Kinderdorf in Zwickau. Da sie sich mit ihrer Kinderdorfmutter nicht versteht, sind diese Jahre für Jaqueline wieder von schlechten Erfahrungen geprägt. Niemand traut ihr zu, ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen. Mit 16 Jahren lebt sie in einer Wohneinrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung und arbeitet fünf Jahre lang in einer Behindertenwerkstatt im Küchen- und Reinigungsbereich. 2016 holt sie für die Werkstatt-Teilnehmenden belegte Brötchen aus der CJD Cafeteria ab und fragt spontan nach einem Praktikum. Der Leiter der Cafeteria ist nach zwei Wochen von Jaquelines Fähigkeiten so überzeugt, dass er sie fragt, ob sie eine Ausbildung zur Beiköchin beginnen möchte. Entgegen der Bedenken ihrer Betreuenden und einiger Widerstände beginnt sie ihre Ausbildung im August 2017.

Der Glaube an sich selbst und der Glaube anderer an sie haben sie weit gebracht. Trotz ihrer Lernschwierigkeiten hat Jaqueline im Sommer 2020 die IHK-Prüfung zur Beiköchin bestanden. Lähmend sei die Prüfungsangst gewesen, sagt sie. Rico Zehmisch, ihr Ausbilder, habe sie immer ermutigt, sich nicht unterkriegen zu lassen. Das gesamte Küchenteam hat sie unterstützt und wenn nötig, auch mehrmals die erforderlichen Arbeitsschritte erklärt. Neben der schulischen und praktischen Ausbildung, besuchte sie zusätzlich eine Nachhilfe in Mathematik und Wirtschaftskunde und bereitete sich außerdem intensiv auf die Prüfung vor.

Mittlerweile arbeitet sie festangestellt und auf dem ersten Arbeitsmarkt im Schichtsystem in der Küche einer Seniorenresidenz. In Zwickau möchte sie bleiben, den Führerschein machen, ihr Leben leben. Sie wohnt in ihrer eigenen Wohnung, geht gern spazieren, macht Ausflüge nach Dresden, weil sie die Stadt besonders mag und Dynamo Fan ist. Damals wie heute kümmert sich Jaqueline um ihre vier Brüder und hält Kontakt zu ihnen. Der emotionale Abstand zur ihrer leiblichen Mutter ist nach wie vor groß, auch wenn es aktuell eine vorsichtige Annäherung gibt. Sie sagt, dass sie immer nach vorn schaut, denn was passiert sei, könne man nicht ändern.

Schätzungen zufolge kommen in Deutschland jährlich ungefähr 40 von 10.000 Kindern mit den schwersten Ausprägungen durch das Fetale Alkoholsyndrom zur Welt (www.fasd-deutschland.de). Die Zahl der durch Alkohol pränatal geschädigten Menschen (wenn-schwanger-dann-zero.de) ist sehr viel höher. Genaue Zahlenangaben sind wegen fehlender standardisierter Kriterien für eine zuverlässige Diagnostik aktuell noch nicht möglich.